„Wer verstehen will, wie ein Staat wirklich funktioniert, muss sich die Gemeinden ansehen.“
Nachdem Thomas Prorok im ersten Teil des Interviews mit public meinte, das KDZ kenne auch den Maschinenraum des Staats, sieht er im zweiten Teil des Gesprächs die Gemeinden als die wahre Funktionsebene der österreichischen Verwaltung.
INTERVIEW VON ALBERT SACHS
public: Herr Prorok, wie wird man zum Gemeinde- oder Verwaltungsforscher? Das ist ja kein Beruf, hinter dem der große Bubentraum wie Feuerwehrmann oder Lokomotivführer steht?
Thomas Prorok: Wahrscheinlich wird man das tatsächlich nicht mit sechs Jahren aus Berufung. Bei mir war es eher eine Entwicklung. Schon im Studium habe ich mich stark auf europäische Integration und EU-Erweiterung konzentriert. Gleichzeitig habe ich mich auch mit Gemeinderecht beschäftigt, unter anderem bei dem kürzlich leider verstorbenen Prof. Hans Neuhofer. Bei der Auseinandersetzung mit EU-Fragen wurde ziemlich schnell klar, wie stark Europa die lokale Ebene betrifft. Rund 70 Prozent des EU-Rechtsbestands haben Auswirkungen auf Städte und Gemeinden. Nach ersten beruflichen Jahren in der Vertretung der Europäischen Kommission in Wien bin ich schließlich zum KDZ gewechselt. Gemeinde- und Verwaltungsforschung ist für mich deshalb so spannend, weil sie europäische, staatliche und lokale Fragen miteinander verbindet und zugleich sehr konkret ist. Es geht nicht nur um abstrakte Systeme, sondern um Kinderbetreuung, Pflege, Straßen, Budgets, Personal, Transparenz, Bürgerservice und demokratische Handlungsfähigkeit vor Ort. Wer verstehen will, wie ein Staat wirklich funktioniert, muss sich die Gemeinden ansehen.
Zählen ausschließlich Kommunen zu Ihren „Kunden“ oder sehen Sie darüber hinaus auch noch Handlungsfelder für das KDZ?
Gemeinden sind ein zentraler Kern unserer Arbeit, aber nicht das einzige Handlungsfeld. Wir arbeiten auch mit Ländern, Bundesstellen, öffentlichen Unternehmen, europäischen Institutionen und internationalen Partnern. Unsere Mitgliederstruktur zeigt das sehr gut: Städte und Gemeinden, Bundesländer, Verbände, Kammern, Banken und Bildungseinrichtungen unterstützen das KDZ. Das ist für uns wichtig, weil es zeigt, dass Public Value nicht nur auf einer Ebene entsteht. Öffentliche Leistungserbringung ist ein Zusammenspiel vieler Akteure.

Sind Sie mit dem Status quo zufrieden oder gehört es auch zu Ihren Aufgaben, neue Arbeitsfelder für das KDZ zu erschließen?
Das KDZ hat eine starke Tradition, aber natürlich gehört es zu meinen Aufgaben, neue Arbeitsfelder zu erschließen. Ich möchte drei Akzente setzen: erstens einen stärkeren europäischen Fokus, zweitens den Ausbau unserer Daten- und Transparenzkompetenz und drittens die Rolle des KDZ als Brücke zwischen Forschung, Verwaltungspraxis und Innovation. Das betrifft besonders KI, Organisationsentwicklung, Gemeindestrukturen, nachhaltige Haushaltssteuerung und Verwaltungsreform. Gleichzeitig gilt: Wir müssen nicht jedem Trend hinterherlaufen. Entscheidend ist, ob ein Thema einen Beitrag zu einem besseren, handlungsfähigeren Staat leisten kann.
Wie sehen Sie die österreichische Verwaltung im internationalen Vergleich?
Österreich hat eine leistungsfähige Verwaltung, aber sie ist nicht frei von Reformbedarf. International gesehen liegt Österreich vielfach solide,
aber nicht immer in der Spitzengruppe. Unser European Public Administration Report zeigt etwa, dass Österreich bei den Kosten der Kernverwaltung mit zirka 1.500 Euro pro Kopf im oberen europäischen Mittelfeld liegt. Beim Government Effectiveness Index der Weltbank erreicht Österreich 1,51 von 2,5 Punkten. Das ist solide, aber kein Spitzenwert. Das bedeutet für mich, es geht nicht um pauschales Sparen. Es geht darum, Strukturen, Prozesse, Digitalisierung, Steuerung und Personaleinsatz wirksamer zu gestalten. Genau hier ist der europäische Vergleich wichtig. Man kann Österreich, österreichische Verwaltungsreform und österreichische Gemeindestrukturen heute nicht mehr ohne Europa denken. Wir müssen verstehen, wo wir gut sind, woandere besser sind und welche Modelle für Österreich anschlussfähig sind.

GEMEINDE- UND VERWALTUNGSFORSCHUNG IST FÜR MICH DESHALB SO SPANNEND, WEIL SIE EUROPÄISCHE, STAATLICHE UND LOKALE FRAGEN MITEINANDER VERBINDET UND ZUGLEICH SEHR KONKRET IST.
Gibt es auf dieser Basis Handlungsbedarf, und wenn ja, wie dringend ist dieser?
Ja, es gibt klaren Handlungsbedarf. Und er ist dringend, weil sich finanzielle, personelle und organisatorische Herausforderungen gegenseitig verstärken. Die Finanzierungsschere der Gemeinden ist ein Beispiel. Wenn Ausgaben dauerhaft schneller steigen als Einnahmen, wird der Handlungsspielraum enger. Wenn zugleich Personal fehlt und Aufgaben komplexer werden, braucht es strukturelle Antworten. Dazu gehören bessere Aufgaben- und Finanzierungsabstimmung, mehr Transparenz in Transferbeziehungen, gezieltere Kooperationen, neue regionale Modelle und eine stärkere Datenbasis für Entscheidungen.
Können Sie nach den ersten Monaten im Amt schon eine Art erste Bilanz ziehen oder befinden Sie sich noch immer in der Orientierungsphase?
Ich kenne das KDZ seit vielen Jahren sehr gut, daher starte ich nicht bei null. Meine erste Bilanz ist sehr positiv. Wir haben ein starkes Team, eine hohe fachliche Breite, engagierte Mitglieder und Partner und sehr relevante Themen. Gleichzeitig ist klar, dass das Umfeld anspruchsvoll ist. Gerade deshalb braucht es ein KDZ, das Orientierung gibt, Reformen konkret macht und Verwaltung bei der Umsetzung unterstützt.
Ist Ihr Vertrag als KDZ-Geschäftsführer zeitlich befristet oder ohne Anlaufzeit angelegt?
Die Funktion ist langfristig angelegt. Entscheidend ist für mich aber weniger die Vertragslogik als die Aufgabe. Das KDZ befindet sich in einer wichtigen Phase: Es geht darum, Bewährtes weiterzuführen und gleichzeitig neue Themen und Arbeitsweisen zu entwickeln. Ich sehe meine Aufgabe darin, gemeinsam mit dem Team, dem Vorstand, unseren Mitgliedern und Partnern ein neues Kapitel des KDZ zu gestalten.
Gibt es so etwas wie persönliche Ziele, die Sie mit Ihrer Rolle als KDZ-Geschäftsführer verbinden?
Ich möchte das KDZ als zentrale österreichische und europäisch vernetzte Kompetenzstelle für Verwaltungsreform, kommunale Entwicklung und öffentliche Steuerung weiterentwickeln. Persönlich ist mir wichtig, dass wir Reformen nicht nur analysieren, sondern umsetzbar machen. Viele der großen Zukunftsfragen entstehen dort, wo Bund, Länder, Städte, Gemeinden und europäische Rahmenbedingungen ineinandergreifen. Das ist Multi-Level-Governance in der Praxis. Genau dort braucht es Institutionen, die übersetzen, vergleichen, analysieren und Brücken bauen. Ein persönliches Ziel ist auch, die Mitgliederbasis des KDZ weiter zu stärken. Jede Mitgliedschaft unterstützt unsere Arbeit für einen handlungsfähigen, demokratischen Staat. Ich möchte das KDZ noch sichtbarer machen als Ort, an dem Wissen, Praxis und Reformwille zusammenkommen.
Wie und wann wollen Sie diese Ziele umsetzen?
Nicht mit einem großen Masterplan von oben, sondern Schritt für Schritt und gemeinsam mit dem Team. Einige Themen laufen bereits: der Ausbau von OffenerHaushalt.at und Benchmarking, die Weiterentwicklung von CAF, neue Ansätze bei KI und Budgetprognosen, die Arbeit an Gemeindestrukturen und Kooperationen sowie europäische Vergleichsstudien. Wichtig ist, dass wir Wirkung erzielen. Studien sollen Debatten verbessern, Daten sollen Entscheidungen unterstützen, Beratung soll konkrete Veränderungen ermöglichen und Weiterbildung soll Kompetenzen stärken. Unser Anspruch ist klar: Wir wollen einen Beitrag zu einem leistungsfähigen, resilienten und zukunftsorientierten öffentlichen Sektor leisten. Dafür kennen wir das Cockpit und den Maschinenraum des Staates, in Österreich und in Europa. Das ist unser besonderer Mehrwert, und darauf wollen wir weiter aufbauen.