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Open Source gegen Big Tech: Souverän statt abhängig

 

Wenn staatliche Behörden Software verwenden, sollte es nicht nur darum gehen, ob ein Programm bequem ist und schnell funktioniert. Neben Schnelligkeit und Komfort zählt auch, wo Daten gespeichert und verarbeitet werden – und wer die Regeln bestimmt. VON MAX HOFER


Open Source klingt technisch, ist aber ein einfaches Prinzip: Software ist kein fertiges Produkt, das man mietet oder kauft, sondern kann geprüft, weiterentwickelt und angepasst werden. Bei proprietären Programmen, beispielsweise von Microsoft oder Google, bleibt der Quellcode dagegen verschlossen. Wer solche Systeme einsetzt, ist stärker an einen Anbieter gebunden – mitsamt Preisen, Update-Zyklen, Cloud-Strukturen und Dateiformaten.

 

Dabei arbeitet Österreichs Bundesverwaltung längst auch mit Open Source, wenn auch oft unsichtbar. Laut Digital Austria sind nur rund 20 Prozent direkt sichtbare Anwendungssoftware, rund 80 Prozent werden als Infrastruktur oder Komponenten genutzt. Open Source ist im Hintergrund also Alltag. Neu ist, dass offene Software nun auch an der Oberfläche verwendet wird – bei Office-Programmen, Kommunikationstools oder KI-Anwendungen.

 

OPEN SOURCE IST KEINE GRATISSOFTWARE.

 

Sichtbar wurde das zuletzt an Umstellungen in Ministerien, etwa im Justiz-, Verteidigungs- und Wirtschaftsressort. Dass dabei auch Ärger entstehen kann, überrascht den Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch von der Universität Innsbruck nicht. Er hält die Darstellung, Open Source sei bloß eine billige Ersatzlösung, für grundfalsch: „Wer Open Source Software als Gratissoftware bezeichnet, hat nichts, aber wirklich gar nichts verstanden.“ Wer so etwas behauptet, verwechsle Lizenzkosten mit Gesamtkosten. Denn Software wird nicht automatisch günstiger, weil kein Geld fürs Microsoft-Abo fließt. Die Kosten verschieben sich in Richtung Anpassung, Betrieb, Support und Schulung. Oder, wie Dobusch es formuliert: „Software ist kein Produkt. Jede Software muss immer weiter gepflegt werden. Software hört nie auf.“

 

Genau darin liegt auch ein Argument für Open Source. Wenn Wartung, Anpassung und Integration ohnehin bezahlt werden müssen, kann ein größerer Teil dieser Arbeit bei heimischen oder europäischen Unternehmen landen, statt dauerhaft in globale Lizenzsysteme abzuwandern. Dobusch plädiert deshalb für strategische Beschaffung anstelle von Gewohnheitskäufen. „In Wirklichkeit sollten die Fachabteilungen gar nicht die Softwareentscheidungen treffen“, sagt er. Solche Entscheidungen müssten von digitaler Souveränität, der Vermeidung von Herstellerabhängigkeit und wirtschaftlichen Überlegungen getragen sein.

 

 

Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch, (c) Markus Zahradnik
Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch, (c) Markus Zahradnik

 

"OPEN SOURCE SOFTWARE IST KEINESFALLS GRATISSOFTWARE." Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch

 

MEHR IT-KOMPETENZ FÜRS LAND.


Dass sich in Österreich viel bewegt, zeigt nicht nur die Debatte über Libre- Office. Das Wirtschaftsministerium ersetzte vor Kurzem Skype durch ein Open-Source-Programm von Nextcloud. Die Einführung bei rund 1.200 Beschäftigten sei „reibungsloser als erwartet“ verlaufen. „Bemerkenswert sei das“, sagt Dobusch, „weil Migrationen hin zu Open Source fast immer als Problemgeschichte erzählt werden.“ Auch politisch hat sich der Ton verändert. Die Bundesregierung beschreibt Open Source inzwischen als „Schlüsselfaktor“ für Innovation, Effizienz und digitale Souveränität. Digital Austria nennt Kostenreduktion, Interoperabilität, mehr Kontrolle über Daten und Systeme sowie IT-Kompetenz im Land. Zugleich stärkt der von der EU beschlossene und seit 2024 gültige Interoperable Europe Act offene Standards im öffentlichen Sektor.

 

 

WIR MÜSSEN INS TUN KOMMEN.

 

Ob aus Bekenntnissen Politik wird, ist für den grünen Netzpolitik-Sprecher Süleyman Zorba offen. Im Gespräch sagt er: „Wir müssen ins Tun kommen. Wenn wir in den nächsten Monaten nicht ins Tun kommen, sondern immer noch weiter darüber reden, wird da halt gar nichts passieren.“ Zorba argumentiert, Österreich stehe bei digitaler Souveränität an einem Kipppunkt. Seine drastische Diagnose lautet: „Wir sind digital eigentlich eine Kolonie.“ Gemeint ist nicht nur die Abhängigkeit von US-Konzernen, sondern auch die politische Verwundbarkeit Europas, wenn zentrale Verwaltungs- und Cloudsysteme außerhalb des eigenen Einflussbereichs liegen. Es bringe nichts, von US-amerikanischen zu chinesischen Anbietern zu wechseln – Europa müsse eigene Kompetenzen aufbauen.

 

In einer Anfrage an Finanzminister Markus Marterbauer verlangt Zorba Auskunft darüber, welche Maßnahmen zur digitalen Souveränität gesetzt wurden. Abgefragt werden Open-Source- Umstiege, Schulungen, europäische Cloud-Standards, ein Service des Bundesrechenzentrums (BRZ) für Large Language Models (LLM), Änderungen im Vergaberecht sowie sichere Behördenkommunikation. Der Subtext ist klar: Ohne Umsetzungsdruck bleibt digitale Souveränität eine politische Formel.

 

 

 Netzpolitik-Sprecher Süleyman Zorba, (c) Karo Pernegger
 Netzpolitik-Sprecher Süleyman Zorba, (c) Karo Pernegger

 

"WIR MÜSSEN INS TUN KOMMEN." Netzpolitik-Sprecher Süleyman Zorba

 

LEITFÄDEN UND FAHRPLÄNE.

 

Zorba drängt auf ein schrittweises Vorgehen. Aus der vergangenen Regierungsperiode gebe es bereits einen Open-Source- Leitfaden, in den alle Ministerien eingebunden gewesen seien. Jetzt müssten Taten folgen. Eine Umstellung sei nicht erledigt, wenn am Bildschirm statt des Outlook-Signet ein anderes Symbol erscheint. Schnittstellen, Fachanwendungen, Vorlagen und Abläufe müssten mitumgestellt werden.

 

Parallel dazu treibt die Regierung eine eigene Digitalagenda voran: künstliche Intelligenz in der Verwaltung. Die Ministerien haben sich im März auf einen gemeinsamen KI-Fahrplan geeinigt. Einer der Hintergründe ist die Tatsache, dass in den nächsten 13 Jahren 44 Prozent der öffentlich Bediensteten in Pension gehen. Unter der Dachmarke „Public AI“ sollen GovGPT, KI-Funktionen im elektronischen Akt, ein Tool für parlamentarische Anfragen und weitere Anwendungen ausgerollt werden. Die technische Basis soll eine „souveräne KI-Infrastruktur“ des BRZ bilden.

 

NUR SCHNELL ODER AUCH SICHER?

 

Genau hier treffen die Debatten aufeinander. Denn eine Verwaltung, die über Open Source, europäische Standards und digitale Unabhängigkeit spricht, zugleich aber KI-Systeme tief in ihre Abläufe einbaut, muss beantworten, worauf diese Systeme technisch und rechtlich beruhen. GovGPT wird als generative KI für den Verwaltungsalltag angekündigt; entscheidend wird sein, ob Betrieb, Modelle, Datenflüsse und Kontrolle tatsächlich auf souveräner Basis organisiert sind. Zorbas Anfrage zielt deshalb auch darauf ab, ob KI in den Ressorts bereits auf „souveräner Basis“ eingesetzt wird sowie auf das BRZ-Service für Large Language Models.

 

 

Digitalisierungs-Staatssektretär Alexander Pröll, (c) BKA / Christopher Dunker
Digitalisierungs-Staatssektretär Alexander Pröll, (c) BKA / Christopher Dunker

 

"DAS EINZIGE, WAS ZÄHLT, BEKOMMT DIE BÜRGERIN ODER DER BÜRGER SCHNELLER EINE ANTWORT?" Digitalisierungs-Staatssektretär Alexander Pröll

 

 

Der Konflikt lautet also nicht einfach LibreOffice gegen Microsoft. Er lautet: Will Österreich Digitalisierung bloß bequemer und schneller machen – oder auch widerstandsfähiger? Open Source ist kein Allheilmittel. Aber es ist ein Hebel, um Wechselmöglichkeiten offenzuhalten, Know-how im Land aufzubauen und öffentliche IT weniger abhängig von einzelnen Konzernen zu machen.

 

„Am Ende des Tages ist das Einzige, was zählt, bekommt die Bürgerin oder der Bürger schneller eine Antwort? Wenn ja, haben wir unsere Arbeit gemacht“, formulierte es Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll (ÖVP) vor Kurzem.

 

Gerade weil die Regierung KI als Modernisierungsschub entdeckt, wird die Frage nach offenen Standards, europäischer Infrastruktur und politischer Standfestigkeit dringlicher.