Kontrolle über Daten als Chance
Österreich und Europa bauen ihre digitalen Services konsequent aus. Mit dem zunehmenden Digitalisierungsgrad ist aber auch eine steigende Abhängigkeit von BigTech verbunden. Die Rufe nach digitaler Souveränität werden daher immer lauter.
VON ALBERT SACHS
Der 18. November 2025 war aus Sicht des digitalen europäischen Ökosystems ein bedeutender Tag. Im Rahmen eines Gipfels zur digitalen Souveränität in Berlin haben alle 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union die „Declaration on European Digital Sovereignty“ verabschiedet. „Ein wichtiger Durchbruch“, lauteten die Kommentare vielfach. Das Absichtspapier zur digitalen Souveränität war von Österreich initiiert worden. „Europa soll selbstbestimmt handeln, eigene Regeln setzen und digitale Infrastruktur, Daten und Technologien unabhängig gestalten können, ohne sich abzuschotten, aber auch ohne übermäßige Abhängigkeiten“, heißt es zu der Deklaration. „Ziel ist ein digital starkes, wettbewerbsfähiges und sicheres Europa, das seine demokratischen Werte wahrt und gleichzeitig auf Basis gemeinsamer Prinzipien mit vertrauenswürdigen Partnern kooperiert.“ „Digitale Souveränität heißt, dass Europa selbst entscheidet, wie es seine Technologien nutzt, Daten schützt und Innovationen gestaltet. Unabhängig, sicher und im Einklang mit unseren Werten“, kommentierte Digitalisierungsstaatssekretär Alexander Pröll den Berliner Wurf. „Die Erklärung ist ein europäischer Meilenstein. Jetzt geht es darum, sie mit Leben zu füllen – durch offene Standards, gemeinsame Cloud-Infrastrukturen, vertrauenswürdige KI und starke digitale Bildung.“

Digitale Souveränität heißt für die Verwaltung des Staates, dass Österreich und seine staatlichen Einrichtungen resilienter und effizienter werden, damit aber auch zum Schutz und zum Erhalt der Demokratie beizutragen. Weniger Abhängigkeit von einzelnen Anbietern, mehr Interoperabilität und bessere Servicequalität führen zu einer modernen öffentlichen Verwaltung. Ein nationales Maßnahmenpaket fokussiert auf sieben zentrale Punkte:
Förderung offener, interoperabler EU-Technologien. Mehr Open Source in der öffentlichen Verwaltung, engere Kooperation mit europäischen Partnern für gemeinsame Standards und aktive Mitwirkung an Normungsprozessen zur globalen Sichtbarkeit europäischer Interessen.
Souveräne Daten- und Cloud-Infrastruktur. Einsatz souveräner Cloud-Technologien und einer nationalen Cloud-Rahmenvereinbarung sowie gezielter Aufbau digitaler Grundinfrastrukturen wie europäischer digitaler Identitäten und Once-Only-Systeme.
Vertrauenswürdige und europäische KI stärken. Ausbau nationaler KI-Kompetenzzentren, Bereitstellung souveräner KI-Infrastrukturen wie LLM-Shared-Services, Straffung der Aufsicht für verantwortungsvolle Verwaltungs-KI sowie Umsetzung europäischer Leitlinien für transparente und sichere KI.
Digitaler Kompetenzen & digitale Bildung. Gezielte Weiterbildung zu digitaler Souveränität für Verwaltung, Bevölkerung und Unternehmen, Stärkung digitaler und medialer Kompetenzen sowie Förderung eines souveränen und verantwortungsvollen Umgangs mit Daten und Technologien.
Effiziente und resiliente Verwaltungstechnologien. Gemeinsame KI-Infrastruktur für Verwaltungsprozesse, weitergehende IT-Konsolidierung über alle Verwaltungsebenen sowie Einführung einer sicheren europäischen Lösung für vertrauliche Behördenkommunikation.
Souveräne Beschaffung & wirtschaftliche Resilienz. Stärkung digitaler Souveränität durch stärkere Berücksichtigung unabhängiger, europäischer Technologien im rechtlichen Rahmen. Förderpolitik soll souveräne Schlüsseltechnologien wie HPC, Halbleiter, Cybersecurity, Quantum, Netze der nächsten Generation und KI priorisiert unterstützen.
Governance, Monitoring & Stakeholder-Einbindung. Koordinierte Steuerung und Monitoring über bestehende Strukturen, regelmäßiges nationales Reporting sowie kontinuierliche Einbindung von Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft.
Ein Programm, das auch bei der heimischen Wirtschaft auf Wohlwollen stößt. „Um Österreich und Europa wettbewerbsfähiger und digital handlungsfähiger zu machen, muss der Aufbau europäischer digitaler Produkte und Services – insbesondere im Bereich Künstliche Intelligenz (KI), Cloud, Cybersecurity und Quantentechnologie – entschieden und ambitioniert vorangetrieben werden. Innovation und digitale Kapazitäten schaffen Wertschöpfung vor Ort und stärken europäische Unternehmen im globalen Wettbewerb“, heißt es in einem Positionspapier der Initiative Digitale Souveränität, die von führenden österreichischen Unternehmen aus den unterschiedlichsten Sektoren getragen wird. „Europa und Österreich verfügen über starke Kompetenzen in Forschung, Industrie, Finanzwirtschaft, Infrastruktur und Technologie. Diese Stärken gilt es gezielt auszubauen, um digitale Handlungsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Vertrauen in kritischen digitalen Anwendungen weiter zu stärken. Aber auch die digitale Souveränität ist ein zentraler Baustein für die Absicherung europäischer Wettbewerbsfähigkeit von morgen.“
„ÖSTERREICHS IT-BRANCHE IST EIN ZENTRALER PFEILER UNSERER WIRTSCHAFTLICHEN ZUKUNFT.“, Petra Lippert, VÖSI-Präsidentin und Microsoft Österreich-Geschäftsführerin
ZAHLENSPIELE. In diesem Sommer hatte der Verband österreichischer Software Innovationen (VÖSI) die Ergebnisse einer Studie zur „volkswirtschaftliche Bedeutung des österreichischen IT-Sektors“ präsentiert. „Der IT-Sektor in Österreich leistet einen substanziellen Beitrag zur österreichischen Wirtschaft“, fasst der VÖSI die Ergebnisse zusammen. Demnach erwirtschafte dieser Industriezweig 40,5 Milliarden Euro an Bruttowertschöpfung, das entspricht 8,85 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung Österreichs. Für das Jahr 2025 wird die durch den IT-Sektor in der Kerndefinition generierte Steuerleistung auf beinahe 8,5 Milliarden Euro geschätzt, das entspricht dem 1,8-Fachen des Aufkommens der Kommunalsteuer. „Österreich braucht eine aktive Standortpolitik, die digitale Souveränität stärkt, Fachkräfte sichert und Innovation beschleunigt. Digitale Souveränität ist kein Luxus, sie ist eine Voraussetzung für den Wirtschaftsstandort Österreich“, formuliert VÖSI-Präsidentin Doris Lippert. Ein bisschen pikant, denn Lippert ist Geschäftsführerin von Microsoft Österreich und damit auch dem digitalen Universum in den USA verpflichtet.
MITTELFELD. Die Linzer Forschende rund um Studienleiter Florian Holzbauer haben für die Plattform „Municipalytics“ Daten von rund 95.500 Kommunen in 30 europäischen Ländern ausgewertet. Österreich liegt im europäischen Mittelfeld. Zum Vergleich: In Deutschland setzen nur rund 20 Prozent der Gemeinden auf Anbieter außerhalb des eigenen Landes, in Finnland seien es hingegen 99 Prozent. Doch bei der Auswahl von Dienstleistern rücken in der österreichischen Verwaltung immer mehr Themen wie Abhängigkeit, Souveränität und damit auch die Kontrolle über die eigenen Daten in den Mittelpunkt.

Thomas Arnoldner, Group Deputy CEO von A1 und einer der Köpfe hinter der Initiative Digitale Souveränität, betont: „Digitale Souveränität bedeutet nicht Abschottung, sondern Wahlfreiheit und europäische Alternativen – besonders bei kritischen Daten.“ Österreich und Europa sollen ihre Chancen nutzen und technologisch unabhängiger, innovativer und resilienter werden.
WEITERE LINKS
» https://souveraen-digital.at/