Digital souverän: Warum der Staat seine IT selbst bestimmen muss
Digitale Souveränität beschreibt die Fähigkeit von Staat, Verwaltung und Gesellschaft, digitale Technologien selbstbestimmt, sicher und im Einklang mit den eigenen Rechts- und Wertvorstellungen zu nutzen und zu gestalten. Sie umfasst die Kontrolle über Daten, Infrastrukturen und Schlüsseltechnologien ebenso wie die Kompetenz, Abhängigkeiten bewusst zu managen.
Es geht nicht um Abschottung, sondern um Handlungsfähigkeit: die Option, strategische Entscheidungen unabhängig treffen zu können – technologisch, rechtlich und organisatorisch.
GESTALTUNGSSPIELRÄUME BEWAHREN. Gerade im Public Sector ist digitale Souveränität von zentraler Bedeutung und tritt in den vergangenen Jahren – nicht zuletzt auf Grund weltweiter politischer Entwicklungen – immer mehr in den Vordergrund. Staatliche IT-Anwendungen verarbeiten hochsensible Daten, sichern kritische Infrastrukturen und bilden das Rückgrat moderner Verwaltungsleistungen. Ist ein IT-Dienstleister wie das BRZ in Österreich dauerhaft von einzelnen Anbietern oder außereuropäischen Rechtsräumen abhängig, riskiert man nicht nur Betriebs- und Sicherheitsrisiken, sondern auch eingeschränkte Gestaltungsspielräume bei Innovation, Datenschutz und Compliance.
DIGITALE SOUVERÄNITÄT ALS TRANSFORMATIONSAUFGABE. Die Umsetzung von digitaler Souveränität ist jedoch anspruchsvoll. Historisch gewachsene IT-Landschaften, proprietäre Abhängigkeiten und komplexe Vergaberegeln erschweren den Wandel. Hinzu kommen Fachkräftemangel, rasante Innovationszyklen sowie Zielkonflikte zwischen Wirtschaftlichkeit, Geschwindigkeit und Souveränität. Auch Interoperabilität und gemeinsame Standards sind oft nicht ausreichend umgesetzt, was die Skalierung und Wiederverwendung behindert. Digitale Souveränität muss daher verstärkt als „Sovereignty by Design“ und als langfristige Transformationsaufgabe verstanden werden – nicht nur als punktuelles Beschaffungsprojekt.
DER BLICK ÜBER DEN TELLERRAND. Vor diesem Hintergrund sehe ich auch die europäische Zusammenarbeit als entscheidend an. Organisationen wie die EURITAS bündeln Nachfrage, Know-how und Verhandlungsmacht öffentlicher IT-Dienstleister. Gemeinsame Standards, Referenzarchitekturen und abgestimmte Beschaffungsstrategien reduzieren Abhängigkeiten und schaffen echte Alternativen. Gleichzeitig ermöglichen sie Skaleneffekte, fördern Innovation in einem europäischen Ökosystem und stärken die strategische Autonomie Europas – ohne die Offenheit für globale Kooperation zu verlieren.
Digitale Souveränität ist mehr als der Wechsel eines Softwareherstellers oder die Nutzung von Open Source. Für Österreich sind aus meiner Sicht sechs Punkte essenziell:
Erstens eine klare strategische Steuerung mit verbindlichen Zielbildern für souveräne Kernbereiche (auf Basis des EU-Sovereignty-Frameworks).
Zweitens der Aufbau und die Sicherung eigener Kompetenzen in Verwaltung und bei IT-Dienstleistern.
Drittens die bevorzugte Nutzung offener Standards und modularer Architekturen zur Vermeidung von Lock-in-Effekten („Sovereignty by Design“).
Viertens die Stärkung von europäischen Kooperationen in Entwicklung, Betrieb und Beschaffung.
Fünftens ein verantwortungsvoller Umgang mit Daten als strategische Ressource – von Governance über Sicherheit bis zur wertschöpfenden Nutzung.

GASTKOMMENTAR
Roland Ledinger ist Geschäftsführer des Bundesrechenzentrums, Präsident der ADV (Arbeitsgemeinschaft Datenverarbeitung) und Vizepräsident der EURITAS, dem Europäischen Netzwerk von IT-Providern im Public Sector.